
Dass Menschen ihr Leben riskieren für andere, das geschieht selten. Geschehen tut meist das andere, wenn´s um Kopf und Kragen geht: Dass das Wölfische hervorbricht. Das brutal Ichhafte.
Und nun sagt Bibel hier (sinngemäß): Jesus ist für genau solche Menschen gestorben: Für Menschen, in denen das Wölfische steckt. Für Menschen, die nur sich selbst kennen, wenn´s zum Treffen kommt. Für Menschen, die erschütternd brutal und egoistisch sein können. Für Menschen, die buchstäblich über Leichen gehen, wenn ihr eigenes Leben in Gefahr gerät.
Und mehr noch! Jesus ist für Menschen gestorben, deren wölfisches Wesen sich auch gegen ihn, den Sohn Gottes richtete. Er ist für Menschen gestorben, die Gott von Natur aus als Konkurrenten betrachten (Die Bibel, Jakobusbrief 4,4) und ihn nicht dulden wollen in ihrem Leben. Er ist für Menschen gestorben, die voll aggressiver Sünde stecken. Er ist für Menschen gestorben, die ihn, den Sohn Gottes, in dumpfer, primitiver Wut an ein Kreuz nageln ließen. Die ihn hassten und ausstießen und verhöhnten, selbst als er schon im Sterben lag. Für solche Leute hat er sein Leben gegeben. Und er bewies uns damit seine Liebe. Er, der Sohn Gottes, dessen Name doch viel höher ist als sonst alle Namen.
Und manchmal, vielleicht kennen Sie das auch, wenn Sie selbst erleben, wie erschütternd verkommen, hinterhältig und boshaft Menschen sein können ... Oder: Wenn wir selbst uns in einer Weise verhalten, die uns die Schamesröte ins Gesicht treibt, dann steigt die kleine, die große Frage in uns hoch: Wie nur war es möglich, dass Christus sich mit solchen Menschen eingelassen hat, wie wir es sind?! Wie nur war das möglich, dass er bereit war, sein Leben für Leute wie uns zu geben?! Und dann wird uns seine Liebe groß und teuer und heilig. Wir sehen sie in ihrer ganzen großen erbarmenden Größe und Herrlichkeit. Hier ist eine Begebenheit aus den USA, die das ganz gut illustriert:
>Es geschah in den Tagen der Großen Wirtschaftskrise im US-Bundesstaat Missouri, im Sommer des Jahres 1937: John Griffith, verantwortlicher Betriebsingenieur einer großen Eisenbahn-Zugbrücke über den Mississippi-Strom, hatte seinen achtjährigen Sohn Greg zu seiner Arbeit im Kontrollturm der Brücke mitgenommen. Um die Mittagszeit bewegte Griffith die mächtige Brücke nach oben, um einige Schiffe vorbeiziehen zu lassen. Er setzte sich auf seine Beobachtungsplattform und aß gemeinsam mit seinem Sohn sein Mittagessen. Die Zeit verging schnell. Plötzlich wurde er durch das schrille Pfeifen eines Zuges in der Ferne aufgeschreckt: Rasch sah er auf seine Uhr und bemerkte: Es war 13. 07 Uhr: Der Memphis-Express mit vierhundert Reisenden an Bord donnerte auf seine Eisenbahnbrücke zu ... Griffith sprang auf und hetzte zum Kontrollturm. Schon wollte er den Hauptschalter betätigen, um die Brücke zu senken und den Zug passieren zu lassen, als seine Augen etwas sahen, das ihm sein Herz bis zum Halse schlagen ließ: Sein Sohn Greg war von der Beobachtungsplattform gerutscht und in die mächtige Mechanik gefallen, die die Brücke bewegte. Sein linkes Bein war zwischen zweien der großen Zahnräder eingeklemmt worden. Er konnte nicht fort. Verzweifelt wirbelten die Gedanken durch John Griffiths Kopf. Verzweifelt suchte er nach einer Möglichkeit, seinen Sohn zu retten. Und doch wusste er, dass es keinen Weg der Rettung gab.
Wieder ertönte das schrille Pfeifen des Zuges: Aus großer Nähe dieses Mal. Er konnte bereits das Klicken der Räder der Lokomotive auf den Schienen hören. Dort unten war sein Sohn. Und doch: In dem heraneilenden Zug saßen vierhundert Passagiere. Und John wusste, was er zu tun hatte: Er verbarg sein Gesicht in seinem linken Arm und legte den Hauptschalter um. Die riesige, massive Brücke begann sich zu senken, schloss sich über dem Fluss und rastete ein: Gerade noch rechtzeitig für den herandonnernden Zug.
Als John Griffith seinen Kopf hob, sein Gesicht mit Tränen überströmt, da sah er in die Fenster des vorbeifahrenden Zuges: Er sah Geschäftsleute, die gelangweilt ihre Zeitung durchblätterten. Er sah elegant gekleidete Damen, die ihren Kaffee umrührten. Und er sah Kinder, die Eiscreme löffelten ... Niemand blickte auf den Kontrollturm. Niemand sah auf die mächtigen Zahnräder der Brückenmechanik. Und aus dem verzerrten Gesicht von John Griffith kam der Schrei eines entsetzlichen Schmerzes: „Ich habe meinen Sohn für euch gegeben, ihr Leute! Und ihr fahrt vorbei! ...“
Der Zug rauschte vorüber. Niemand hörte die Worte des Vaters.< [1]
Gott ist anders. Seine Liebe ist anders. Er kennt uns Menschen. Er kennt unsere Gleichgültigkeit und unsere tödliche Ichbezogenheit. Und dennoch gibt er seinen Sohn her, der sein Leben lässt für uns. Gott sagt nicht: „Es lohnt sich nicht!“, wenn er uns ansieht. Wäre es so gewesen, dann stünde auf Golgatha kein Kreuz, und das Wort: „Es ist vollbracht!“ (Die Bibel, Johannesevangelium 19, 30) wäre ein frommer Wunsch geblieben. Aber das Kreuz stand da: Ein weithin sichtbarer Beweis für die Liebe Gottes.
(Fortsetzung folgt)
[1] Michael P. Green, Illustrations For Biblical Preaching, Grand Rapids, Michigan 1990, S. 309f.