
An wen oder was sollen Menschen sich halten, wenn sie herausfinden wollen, wer sie sind? Es gibt ganz grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten: Sie können sich entweder an Menschen halten oder an Dinge. Mehr ist nicht da! Und leider sind beide unsicher. Gehen wir am Leben von Menschen entlang:
In der Schule, wie ist es denn da? Was werfen sich Schüler so tagtäglich an den Kopf: Fettsack, Dumpfbacke, Spacken, Stinker, Spast usw. Solche Anreden hinterlassen im Laufe der Zeit oft Narben. Junge Menschen beginnen sich selbst so zu sehen, wie man sie tituliert. Auf die Frage: „Wer bin ich?“ hallt es in ihnen wider: Spast, Fettsack, Dumpfbacke, Stinker, Feigling, Kümmeltürke … Und nicht selten halten sich solche Prägungen bis ins hohe Alter.[1]
Ein 87-jähriger berichtet: Als ich ein kleiner Junge war, nannten mich die anderen Kinder immer „Affengesicht“ und lachten mich aus. Mein ganzes Leben habe ich mit diesem Selbstbild zu kämpfen gehabt. [2]
Und später, wenn die Leute erwachsen geworden sind? Wie ist es da? Da definieren sich viele vielleicht über ihre größten oder ihre zumindest offensichtlichsten Schwächen. Sie sagen: „Ich heiße Dennis. Ich bin Alkoholiker“. Oder: „Ich heiße Andrea. Ich bin magersüchtig.“ Oder: „Ich heiße Felix. Ich bin übergewichtig.“ Oder: „Ich heiße Andreas. Ich bin manisch-depressiv.“ Oft trägt auch die Umwelt munter dazu bei, dass Menschen sich über ihre Schwächen definieren und so ein völlig schiefes Bild von sich bekommen.
Und die, die dem entkommen, wie sieht´s bei denen aus? Viele beantworten die Frage „Wer bin ich?“, indem sie auf ihren Beruf hinweisen: „Ich bin Geschäftsmann“, sagen sie. Aber was passiert, wenn sie entlassen oder berentet werden? Wer sind sie dann?[3]
„Ich bin Mutter.“, sagen manche Frauen. Aber was passiert, wenn die Kinder erwachsen sind und zu Hause ausziehen? Wer sind sie dann?[4]
Andere sagen: „Ich bin Sportler, Musiker, Künstler, Fotomodell …“ Sie beantworten die Frage „Wer bin ich?“, indem sie auf ihr Aussehen oder auf die Fähigkeiten ihres Körpers oder auf ihren Besitz hinweisen. Aber was geschieht, wenn sie ihren Besitz verlieren, wenn sie einen Sportunfall haben, krank werden oder einen Burn-out bekommen? Wer sind sie dann?[5]
Und schließlich: Was wird, wenn sie alt werden? Wenn die Kräfte nachlassen und Demenz sich ankündigt? Wer sind sie dann? Sollen sie dann etwa sagen: „Ich bin eine gebrechliche, tüttelige Alte?“ Oder: „Ich bin ein unheilbarer, dementer Alter?“
Sie merken: Die Frage „Wer bin ich?“ ist nicht so leicht zu beantworten. Eines aber ist klar: Menschen oder Dinge reichen nicht aus, wenn wir sie beantworten wollen. Menschen oder Dinge sind einfach zu klein. Wenn sie unser Bezugspunkt sind, an dem wir unsere Identität festmachen, dann kommen wir nicht klar: Die Frage nach unserer wahren Identität wird weiter wühlen und uns von innen her unter Druck setzen.
[1] Vgl.: Bob George, Das Leben ist zu kurz, um die Hauptsache zu verpassen, Wittern 2012, S. 106.
[2] Ebda. S. 106f.
[3] Ebda. S. 105.
[4] Ebda. S. 105
[5] Ebda. S. 105